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23.3.2007 Der Bund
«Alles ist wieder offen»
Das Siegerprojekt für den Anbau des Kunstmuseums «an_gebaut» ist nicht mehr im Rennen
Der aus denkmalpflegerischer Sicht problematische Anbau wird wohl nicht realisiert. Andere Projekte werden derzeit geprüft – entscheiden will der Stiftungsrat des Kunstmuseums Ende April.
Das Siegerprojekt für den Anbau des Kunstmuseums des Basler Architekturbüros Bachelard Wagner wird wohl nicht realisiert. Vor vier Monaten hatte eine 12-köpfige Fachjury, in welcher nebst Architekten auch der frühere städtische Denkmalpfleger sass, das Projekt dem Stiftungsrat des Kunstmuseums Bern zur Ausführung empfohlen. Nun zeigt sich aber, dass wieder «alles offen» ist, wie Jobst Wagner gestern dem «Bund» sagte. Gegenüber Radio DRS äusserte Wagner, der Mitglied des Stiftungsrats des Kunstmuseums Bern ist, seine Zweifel an der Realisierbarkeit des Siegerprojekts «an_gebaut». Dieses sei «nicht mehr im Rennen», so Wagner.
Alternativen werden geprüft
Jobst Wagner ist Präsident der Stiftung Kunsthalle, die seit 20 Jahren Werke aus den Ausstellungen der Kunsthalle ankauft, um diese dem Kunstmuseum Bern leihweise zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang ist der Stiftung Kunsthalle daran gelegen, dass der geplante Anbau für Gegenwartskunst des Kunstmuseums bald Wirklichkeit wird. Er sei «guten Mutes», dass es einen Anbau geben werde, sagt Wagner. Der Stiftungsrat des Kunstmuseums müsse nun aber erneut eine Lagebeurteilung vornehmen und Abklärungen treffen – damit schliesslich eine funktionierende und auch von der Denkmalpflege akzeptierte Lösung vorliegen werde. Der zeitliche Aufschub sei verkraftbar.
Wagners Bedenken bestätigt Christoph Schäublin, Präsident der Stiftung des Kunstmuseums: «Es ist schwer vorstellbar, dass das Siegerprojekt realisiert werden kann, weshalb nun Alternativen geprüft werden.»
Nicht baubewilligungsfähig
Der Makel, dass das Projekt nicht baubewilligungsfähig ist, war bereits bei Veröffentlichung des Juryentscheids bekannt. In der Folge wurde eine Kommission eingesetzt, die abklären sollte, ob eine Überarbeitung des Projektes unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Bedenken eine Re-alisierung des Projekts «an_gebaut» dennoch ermöglicht. Aus denkmalpflegerischer Sicht problematisch ist vor allem die gänzliche Verbauung der Nordfassade des alten Stettlerbaus aus dem Jahre 1879 durch den Anbau. Das denkmalgeschützte Kunstmuseum werde so verbaut.
Die Abklärungen, ob der geplante Anbau es nun doch zur Baureife schaffen könnte, scheinen zu keinem befriedigenden Resultat geführt zu haben. Vermutlich hätte sich der Stiftungsrat des Kunstmuseums auf einen jahrelangen Rechtsstreit einlassen müssen. Vor diesem Hintergrund leuchtet ein, dass nun «Alternativen» geprüft werden, kann es doch nicht im Interesse des Stiftungsrats sein, den Anbau mit dem Festhalten am Siegerprojekt unnötig zu verzögern.
Mäzen Wyss bleibt mit dabei
«Wir sind in der Phase der Evaluation», sagt Museumsdirektor Frehner, der aber ebenfalls einräumt, dass die Realisierungs-chancen des Projekts gering sind. Definitiv zur Sache äussern will sich der Stiftungsrat erst nach seiner Sitzung vom 23. April. Davon, dass es aber einen Anbau geben wird, ist er überzeugt. Wie Stiftungsratspräsident Schäublin sagt, wird Mäzen Hansjörg Wyss, der mit seiner 20-Millionen-Spende den Anbau erst ermöglicht, auch bei einem anderen Projekt «mit von der Partie» sein.
Naheliegend ist, dass man nun erneut die vier ebenfalls prämierten Projekte der Ränge zwei bis fünf auf ihre Realisierbarkeit hin prüft. Vor allem deren Kompatibilität mit den denkmalpflegerischen Vorschriften von Stadt, Kanton und Bund dürften hier entscheidend sein.
Jury wusste um Problematik
Der Ball dürfte nun beim städtischen Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross liegen, der wie sein Vorgänger Bernhard Furrer die Meinung vertritt, dass das Projekt «an_gebaut» aus denkmalpflegerischer Sicht nicht vertretbar sei. «Wir werden im Evaluationsverfahren für ein anderes Projekt sicher mit einbezogen, entscheiden wird aber die Bauherrschaft, der Stiftungsrat des Kunstmuseums also», sagt Gross.
Die Mehrheit der Fachjury, die sich für das Siegerprojekt entschied, habe dies im Wissen darum getan, dass das Projekt nicht bewilligungsfähig sei. Immerhin war auch die städtische Denkmalpflege darin vertreten – warum entschied sich das Gremium trotzdem für das Projekt der Basler Architekten? «Der Entscheid fiel nicht einstimmig aus», erwidert Jean-Daniel Gross. Und fügt an, dass es bei den Erweiterungsbauten der Ränge zwei bis fünf durchaus Vorhaben gebe, die mit dem Baudenkmal Kunstmuseum in Einklang stehen würden.
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Die verbliebenen Favoriten
Von den 231 eingegangenen Entwürfen wurden neben dem Siegerprojekt vier von der Jury ausgewählt und gelten nun als Favoriten für das Bauvorhaben.
Den zweiten Platz hinter dem verworfenen Siegerprojekt belegte der Entwurf «Scala» des Tessiner Architektenduos Nicola Baserga und Christian Mozetti. Dem Projekt werden grosse Chancen eingeräumt, weil der Neubau auf Distanz zur bestehenden Fassade geht und diese voll sichtbar lässt. Der Fassade würde lediglich ein Aufbau aus Glas und Beton gegenübergestellt, in welchem eine Treppe in die unterirdischen, hangseitig belichteten Ausstellungsräume führen würde. Nachteile des Projekts «Scala» sind, dass der Neubau nur durch einen seperaten Eingang erreichbar ist und dass er das vorgegebene Budget überschreitet.
Fast gänzlich im Untergrund spielt sich das Projekt «Tiefgründig» von Kohlmayer Oberst Architekten aus Stuttgart ab. Auch hier wird die Nordfassade des Kunstmuseums nicht tangiert. Die neuen Räume werden unter das Kunstmuseum und unterirdisch in den Hang gebaut, sind deshalb von Aussen aber auch kaum wahrnehmbar. Der Neubau wäre über eine Treppe an der Frontseite des Museums erreichbar.
Auf dem vierten Platz rangierte die Eingabe «Neue Räume» des Baslers Beat Egli. Er sieht einen Neubau auf der Aareseite vor, der zur Hälfte oberirdisch vor der Nordfassade zu liegen kommt. Neben dem Siegerprojekt scheint dieses Projekt das selbstbewussteste zu sein und wird Anklang bei jenen finden, die der Meinung sind, der Neubau solle nicht versteckt werden. Der Anbau wirkt allerdings etwas grobschlächtig.
Weit filigraner und doch auf zwei Stöcken oberirdisch ist das fünftplatzierte Projekt «Lerchengesang» des Zürchers Marcel Baumgartner. Dem Kunstmuseum wird aareseitig ein terrassenartiger Vorbau mit Glasfront angebaut. Ein drittes Geschoss ist unterirdisch als Blackbox mit Kunstlicht konzipiert. (ane) |
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22.3.2007 Der Bund
Langer Atem für Gegenwartskunst
Die Stiftung Kunsthalle Bern zeigt anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens ihre hochkarätige Sammlung
Angekauft hat die Stiftung Kunsthalle Bern ihre Werke in der Absicht, sie dem Kunstmuseum für die Abteilung Gegenwart zur Verfügung zu stellen. Da diese nach wie vor kein eigenes Haus hat, ist die Sammlung nun unter dem Titel «Critical Mass» erstmals in der Kunsthalle ausgestellt.
Zum Veranstaltungskalender
Das Auto in dem Video «Ahead» des englischen Künstlerpaars Stephanie Smith und Edward Stewart muss seinen Weg fast blindlings durch die Nacht finden. Nur in unberechenbaren Intervallen gehen die Scheinwerfer an und geben eine vorübergehende Orientierung. Zu sehen ist diese ebenso beklemmende wie faszinierende Arbeit in der ersten von insgesamt vier Ausstellungen, für die etappenweise je für zwei Wochen eine Auswahl aus den 82 Werken der Stiftung Kunsthalle Bern aus der Versenkung der Depots geholt wird. Den Auftakt macht eine reine Videoausstellung mit sieben, mehrheitlich grossflächig projizierten Arbeiten.
Raus aus dem Depot
Als ein Wechselbad von Licht und Dunkel, von Ungewissheit und Zuversicht, wie es das eingangs genannte Video vermittelt, erweist sich auch die Geschichte der Stiftung Kunsthalle Bern, insbesondere deren Engagement für einen Ort, an dem die gesammelten Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. So machte es sich die Stiftung bereits vor zehn Jahren zum Ziel, ein «Dach über dem Kopf» zu finden, wie Jobst Wagner, Präsident der Stiftung, sagt.
Zunächst portierte man ein Museum bzw. eine Abteilung für Kunst der Gegenwart im Progr, deren Eröffnung im Jahr 2005 man lange Zeit zuversichtlich entgegensah, bis sich im Dezember 2004 die Situation änderte und Mäzen Hansjörg Wyss statt auf den Progr auf einen Anbau für das Kunstmuseum setzte. «Man entwickelt eine hohe Frustrationstoleranz», gibt Jobst Wagner zu, der punkto Anbaus dennoch zuversichtlich ist (siehe Kasten). Ins Leben gerufen wurde die Stiftung 1987 unter der Ägide des damaligen Kunsthalle-Direktors Ulrich Loock, mit dem Ziel, wichtige Werke aus den Ausstellungen der Kunsthalle anzukaufen und dem Kunstmuseum leihweise zur Verfügung zu stellen. Derzeit beläuft sich das jährliche Ankaufsbudget der Stiftung, das durch Beiträge von 62 Mitgliedern gespiesen wird, auf 150 000 Franken.
Für die Gründungsmitglieder, zu denen nebst dem ersten Stiftungspräsidenten Beat Jordi die Kunstsammler Bernhard Hahnloser, Donald Hess, Paul Jolles und Eberhard W. Kornfeld gehörten, ging es darum, frühzeitig Werke von Künstlern, die später vielleicht Weltruhm erlangen, für Bern zu erhalten. Dass der Stiftung dies über weite Strecken gelungen ist, legt die Liste der insgesamt 42 Künstler nahe, die von Knut Asdam, der 2008 in der Tate Modern in London ausstellen wird, über Martin Creed und Bethan Huws bis zu Luc Tuymans, Franz West und Rémy Zaugg reicht. «Ich glaube, wir sind uns noch gar nicht richtig bewusst, wie gut diese Sammlung wirklich ist», sagt Philippe Pirotte.
Wie schon seine Vorgänger Ulrich Loock und Bernhard Fibicher schlägt Pirotte in seiner Funktion als Direktor der Kunsthalle dem Stiftungsrat Werke zum Ankauf vor.
Im globalen Getriebe
Entsprechend spiegeln sich in der Sammlung die jeweiligen Vorlieben, etwa jene Bernhard Fibichers für die Videokunst. In seine Ära datiert die Erwerbung von Kim Soojas eindrücklicher Grossprojektion «A Needle Woman» im Hauptsaal der Kunsthalle. Die Künstlerin steht mit dem Rücken zum Betrachter, gleichsam als ruhender Pol und Nadel im Heuhaufen, während das geschäftige Treiben in vier Grossstädten seinen Lauf nimmt. Eine andere Art von Selbstporträt liegt im Video von Michel François vor, auf den es von unsichtbarer Hand leere Flaschen hagelt, was ihn allerdings wenig kümmert. Corey McCorkle ist mit seiner kleinformatigen Arbeit «Rising Sun» vertreten, während von Chloe Pine und Tracey Rose je ein Video mit laut schreienden Frauen zu sehen ist. Mark Lewis schliesslich spielt mit dem Voyeurismus des Betrachters und entführt in den scheinbar idyllischen Garten eines Pornofilmproduzenten.
In dieser ersten Ausstellungsetappe wirkt die Kunsthalle noch etwas leer, was sich jedoch nach und nach ändern dürfte, wenn andere Werke Einzug halten. Die Idee dahinter ist, die «kritische Masse» der Sammlung – so der Ausstellungstitel – möglichst in Bewegung zu versetzen und gleichzeitig den Austausch mit der anderen «Masse», sprich dem Publikum, in Gang zu bringen. Der Gratiseintritt und ein attraktives Rahmenprogramm werden diesem Anliegen zuträglich sein.
Die Ausstellung wird heute Abend (22. März) um 18 Uhr eröffnet und dauert insgesamt bis zum 20. Mai (erster Teil bis 1. 4.). Rahmenprogramm unter www.kunsthalle-bern.ch
www.stiftungkunsthallebern.ch
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EXTRA
Anbau weiter ungewiss
Die Realisierung des im Dezember 2006 gekürten Siegerprojektes für einen Gegenwarts-Anbau des Kunstmuseums Bern ist nach wie vor offen. Derzeit klärt eine Kommission des Stiftungsrats des Museums ab, ob das Projekt der Basler Architekten Bachelard und Wagner – trotz denkmalpflegerischer Bedenken – baubewilligungsfähig gemacht werden kann. Das Resultat entsprechender Abklärungen sollte Ende April bekannt sein. Zuversichtlich, dass dann «eine machbare Lösung» vorliegt, ist Jobst Wagner, Präsident der Stiftung Kunsthalle Bern und Mitglied des Stiftungsrats des Kunstmuseums Bern. Die Stiftung Kunsthalle wird sich mit schätzungsweise einer halben Million Franken an der Innenausstattung des Anbaus beteiligen. Wer die Abteilung Gegenwart leiten wird, ist noch offen: Die Nachfolge des abtretenden Bernhard Fibicher ist noch nicht geregelt. (ms) |
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| www.espace.ch, Zeitung im Espace Mittelland, Donnerstag, 15. Januar 2004 |
| Die Stiftung Kunsthalle |
Die 1988 gegründete private Stiftung hat den Zweck, für die Sammlung des
Kunstmuseums Werke aus Ausstellungen der Kunsthalle anzukaufen. Dies aus der
Einsicht, dass dort wichtige Kunstwerke zu einem Zeitpunkt erworben werden können,
da die Preise auf dem internationalen Kunstmarkt noch nicht hoch sind. Wichtige
Namen der Sammlung sind etwa Jean-Marc Bustamante, Kim Sooja, Christian Marclay,
Thomas Schütte, Luc Tuymans und Franz West. Mitglieder der Stiftung sind
beispielsweise der Industrielle Rolf Bloch, der Kunstsammler Bernhard Hahnloser, der
Valserwasser-Begründer Donal Hess, der Filmemacher Thomas Koerfer, der
Kunsthändler und –sammler Eberhard W. Kornfeld und der Mäzen Hansjörg Wyss. |
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| Tagesanzeiger 2.5.2002 |
| Und noch einmal wird das Museum neu erfunden |
Die „Zeitmaschine“ von Konservator Ralf Beil hat das Berner Kunstmuseum
umgekrempelt. Ein höchst belebendes Experiment. |
So lebendig und anregend, so frisch und frech bis in die letzte Besenkammer hat man
das Berner Kunstmuseum schon länger nicht mehr erlebt. „Zeitmaschine“ heisst das
Mirakel, das Sammlungskonservator Ralf Beil bis zum Amtsantritt des neuen Direktors
Matthias Frehner auf die Beine gestellt hat.
Der programmatische Titel ist dem berühmten Sciencefiction-Roman „Time Machine“
(1805) von H.G. Wells entliehen. Ein Zeitreisender kommt zu einem halb zerstörten
Universalmuseum. Er holt sich dort die Stücke, die ihm zum Überleben notwendig
erscheinen. Beil leitet daraus das Prinzip seiner Ausstellung ab, mit der er einen
Grossteil des Museums bespielt.
Die „Zeitmaschine“ versteht sich als Beitrag zur aktuellen Diskussion über zeitgemässe
Ausstellungskonzepte. Diese Debatte wird derzeit an so verschiedenen Orten wie der
Tate Modern in London oder dem Museum Kunst Palast Düsseldorf geführt. Immer liegt
ihr dieselbe Frage zu Grunde: Wie kann man Museumsbestände attraktiv und sinnvoll
neu ordnen?
Einerseits soll die Neugierde des Publikums angestachelt werden; unter dem Diktat der
Besucherstatistik ein Hauptmotiv für solche Experimente. Aber es geht auch um das
Austesten alternativer Modelle. Die Postmoderne hat gebetsmühlenhaft wiederholt,
dass die Moderne mit ihrer Fixierung auf die Avantgarden nur eine von vielen
möglichen Erzählungen ist. Nachdem sich diese Erkenntnis weit gehend durchgesetzt
hat, gilt es, solche Erzählungen zu entwickeln, ohne deshalb gleich ins Beliebige
auszuweichen.
So erzählt Beil einiges über die (Sammlungs-)Geschichte des Kunstmuseums Bern.
Der programmatische Entscheid, sich einmal auf die oft vernachlässigten Bestände des
Hauses jenseits von Klee zu besinnen, fördert Erstaunliches zu Tage – nicht zuletzt,
weil auch die Ankäufe der Stiftung Kunstalle Bern im Kunstmuseum
landeten. Ein starkes Ensemble mit Arbeiten von Raymond Pettibon etwa, ein
Kabinett mit Zeichnungen des Belgiers Luc Tuymans, eine substanzielle Werkgruppe
von James Le Byars – beachtliche Depotbestände, die man hier selten oder noch nie
zu Gesicht bekommen hat.
Lesen Sie die Packungsbeilage
Die „Zeitmaschine“ ist ein opulentes Gebilde. Sie setzt ausdauernde oder
wiederkehrende Besucher voraus. Dafür wird’s auch nicht so schnell langweilig! Eine
knappe „Gebrauchsanleitung“ stellt fünf Hauptstränge vor. Der Schlüssel zur
Ausstellung ist das „Basisaggregat“. Es kombiniert über die Jahrhunderte hinweg – von
Fra Angelico bis Thomas Hirschhorn – künstlerische Auseinandersetzungen mit Zeit und
Vergänglichkeit. Die wilde Mischung zeigt: Die bisweilen kühnen Rösselsprünge sind
nicht formalistisch gedacht, sondern als inhaltliche Dialoge.
Daneben gibt es „Zeitmaschinenräume“ – etwa die Galerie der Fotografie, die den
Hodler-Saal mit Gegenwart durchlüftet -, „Zeitkanäle“sowie Künstler- und
Sammlungsinterventionen. Am gelungensten ist jene des Künstlers John Grigely zur
„Visuellen Akustik in der Sammlung“: eine originelle Suite von Werken, die alle auf
ihre Weise Geräusche evozieren, von Königs „Reichenbachfall“ über Hodlers
„Holzfäller“ bis zu Christian Marclays witzigem Video „Telephones“.
Zu entdecken gibt es auch sonst mehr als genug; so die übers Haus verteilten
Hörinstallationen von Dieter Roth, der – ähnlich wie Markus Raetz, Franz Gertsch und
James Lee Byars – zum Herz der “Zeitmaschine“ gehört. Es handelt sich um
Aufnahmen, die normalerweise in Roths monumentalen Berner Chicago-Wandbild
einander überlagern. Da hört man etwa aus der Besenkammer Roth mit jemandem
über Druckgrafik telefonieren – eine echte Zeitmaschine, die den Zuhörer in die
Vergangenheit katapultiert.
Zur besonderen Wirkung der Schau trägt – neben der abwechslungsreichen Hängung –
der Umgang mit farbigen Wänden bei. Die Abkehr vom nur scheinbar neutralen White
Cube, dem Museumsideal der Moderne, haben in den vergangenen Jahren einige
Museen vollzogen. Bei der jüngsten Renovation des Altbaus wude auch in Bern ein
Farbkonzept eintwickelt, das Beil nun weiterspinnt. Die Böcklin-Werkgruppe einmal auf
einer anthrazitfarbenen Wand zu zeigen, wie der Künstler sie selber im Atelier hatte,
damit die Bilder – in Böcklins Worten – so „wirken wie Diapositive“, ist frappierend.
Natürlich kann man über himbeerrote oder dunkelgründe Wände endlos diskutieren.
Dem nimmt die amüsante und selbstironische Diahow mit historischen Aufnahmen der
Berner Museumsräume die Spitze. Sie zeigt: Alles Ausstellen ist relativ, denn auch das
„Begräbnisinstitut Museum“ (Dieter Roth) unterliegt stärker den Moden und Macken der
Zeit, als man gemeinhin denkt.
Bereit zur Übergabe
Im Eingangssaal steht symbolschwanger Thomas Schüttes „Modell für ein Museum“:
ein Verbrennungsofen. Draussen hängt, neben der Schweizer Fahne, James Lee Byars
„Poetic Flag of Switzerland“: ein weisses Tuch. Soll heissen: Das Berner Kunstmuseum
ist bereit zur Übergabe – und zwar in voller Fahrt.
Von Barbara Basting
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| Berner Zeitung 23.3.2002 |
| Leute |
Bern ist reich. Seit Donnerstagabend hat es sogar eine Zeitmaschine. Das
Kunstmuseum wurde innerlich zu einem solchen Science-Fiction-Objekt umgebaut und
führt jetzt kreuz und quer in Raum und Zeit durch Berns reichen Kunstbesitz. ….
… Begeistert waren auch Verena Immenhauser und Beat Jordi, Vizepräsidentin
und Präsident der Stiftung Kunsthalle Bern, über die Zeitmaschine, die Museales
in die Gegenwart zurückholt. ….
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